23. April 2008 von JansToBeilen (15 Posts)250 mal gelesen
Knapp 100 000 Stellen, die nicht besetzt werden können: Das gestern präsentierte Ausmaß des Ingenieurmangels in Deutschland ist alarmierend. Das Problem ist nicht neu. Doch getan wurde bislang wenig. Das Hochlohnland Deutschland kann nur durch Spitzenleistungen international konkurrenzfähig bleiben. Bleibt zu hoffen, dass der Ruck, der jetzt durch Wirtschaft und Politik gehen muss, nicht zu spät kommt.
Ingenieur-Wesen und Technik – ist ja im Nachrichtenbereich meist in negativen Zusammenhängen vertreten, außer in ganz exotischen Verbindungen. Architektur – hochgepriesen als besondere Kunst – wird verehrt, die interessante Ingenieurleistung davor und dahinter bleibt unerwähnt, als wäre alles wie selbstverständlich möglich.
Mathematik ist kaum gesellschaftsfähig, uncool allenthalben. Das Jahr der Mathematik, schon vergessen, wo bleiben die Anregungen? Kinder, aber vor allem Eltern(!) fragen, “wozu braucht ma’n des?”, anstatt am “Herumspielen” und “Herumprobieren” mit Zahlen auch mal Gefallen zu finden. Bei Grundschuleintritt können die Kinder bis Hundert zählen, und dann? Da bleiben viele Gehirn-Ressourcen ungenutzt, weil Kinder ganz früh beginnen, Zahlen und was man damit anstellen kann, als Teufelszeug belastend finden zu dürfen. Später wird dann lieber BWL studiert, für soviel reicht’s dann meistens. Eine Extra-Knobel-Ecke in der Zeitung ist da auch keine Lösung, sie müsste schon ganz besonders reizvoll und attraktiv aufgebaut sein. Man sollte auch mal was gewinnen können. Da geht’s um die allgemeine Akzeptanz, auch wenn das etwas hoch angesetzt klingt. Aber so lange Promis mit ihrer (oft nur geheuchelten) Mathephobie punkten können – Tenor: mit Mathe wirst du nie ein Star — sieht es schlecht aus.
Merke: Etwa zwölf Prozent der Ingenieure sind weiblich, angesichts des Fachkräftemangels sind es aber immer noch viel zu wenige…
















Das Problem liegt ganz woanders, nämlich bei der Schulausbildung.
Es wird in vielen Fällen aneinander vorbei gelehrt, das heißt übertrieben gesagt, in der Mathematikstunde wird Bruchrechnen geübt, aber in der Physikstunde wird Integralrechnung benötigt.
Ich habe das bei meinem Bekanntenkreis sehr oft erlebt und dann kommt der Frust bei den Schülern. Wie soll er z.B. in Physik oder Chemie etwas verstehen wenn die Grundlagen die die anderen Fächer dazu bringen müssten fehlen. Umgekehrt ist es so, wenn die Mathe zu weit vorangeschritten ist und der Schüler dafür keine Anwendungen hat macht das auch nur Frust.
Und dann kommt die Aussage: wozu brauch ich das?
Ich möchte damit sagen, daß es unbedingt Notwendig ist die einzelnen Fächer in der Schule so untereinander abzustimmen und zu combinieren, daß der Schüler merkt wozu und warum er die einzelnen Aufgaben lernen soll.
Der Schüler benötigt zu dem trockenen Lehrstoff unbedingt auch praktische Anwendungen, dann macht das lernen auch Spass.
Das ist größtenteils richtig. Aber auch hier wird Mathe immer nur als Diener und praktischer Helfer ohne eigenen Wert gesehen. Zweckfreier Umgang mit Zahlen, ein bisschen “Zahlentheorie” sozusagen, was auch kinderfreundlich möglich ist, wäre aber Voraussetzung. Leider ist damals die “Mengenlehre” dermaßen chaotisch eingeführt worden, dass sie Scheitern musste. Die Eltern waren ratlos, viele Lehrer selber auch. Das ist aber lange her, und es war schon viel Zeit, sich was Gutes zu überlegen.
Die Industrie ist in der Vergangenheit nicht zimperlich umgegangen mit Ingenieuren. Alte wurden entlassen, junge “outgesourced” in Ingenieurbüros mit niedrigeren Gehältern. Im Betrieb arbeiteten die Ingenieure zu guten und zu schlechten Konditionen (Ingenieurbüros) eng zusammen. Entlassene und nicht eingestellte, gut ausgebildete Ingenieure dürften noch in Wartestellung sein. Man könnte sie wieder eingliedern, wenn man sie auf den neuesten Stand brächte. Wegen dieser Entwicklung blieben die bis dahin überfüllten Universitäten in diesem Bereich leer. Und jetzt die Not mit fehlenden Ingenieuren.
Noch vor vier Jahren sah das ganz anders aus. Damals bin ich in die USA ausgewandert, unter anderem deshalb, weil es mir dort leichter möglich war, eine Stelle als Bauingenieurin zu finden. Jetzt habe ich begonnen, mich in Deutschland zu bewerben. Jedoch ist es schwierig, sich aus der Ferne zu bewerben und für Vorstellungsgespräche nach Deutschland zu fliegen. So habe ich trotz einiger Bewerbungen innerhalb der letzten zwei Wochen noch keine Antwort erhalten. Dabei bringe ich einen guten Fachhochschulabschluss und vier Jahre Berufserfahrung mit guten Englischkenntnissen mit. Dies widerspricht Ihrem Artikel ein wenig. Liegt es an langwierigen Auswahlprozessen der Firmen? Vielleicht sollten die Firmen sich einmal gezielt an deutsche Ingenieure im Ausland wenden. Ich weiß, dass ich nicht die Einzige bin, die aufgrund mangelnder Arbeitsplatzangebote damals gegangen ist.
Nur einer der Fehler im System: Mein Sohn ist 19 und studiert Softwareingenieur. Unser Staat wollte das verhindern, indem er ihn unmittelbar vor Antritt zum Studium zum Bund einberufen wollte. Ein Antrag auf Aufschub, diese Studienplätze fallen nicht vom Himmel, die Wohnung war gemietet, wurde abgelehnt.
Wen wundert’s?
Der Ingenieurmangel in deutschen Unternehmen ist hausgemacht. Studieren wird für immer weniger Menschen erschwinglich, und viele Unternehmen zahlen schlecht. Die Wirtschaft sollte schon an die Abiturienten herantreten, die Studiengebühren übernehmen, dazu Leistungen zahlen, damit die Studenten in der Regelstudiendauer auch fertig werden können. In der vorlesungsfreien Zeit können die Studenten dann in ihren Betrieben eingesetzt werden. So erhält man nach dem Studium sofort einsatzfähige Arbeitskräfte. Dass der angehende Student sich verpflichtet, eine Zeit nach dem Studium zu bleiben, ist klar. Aber die Unternehmen nehmen lieber Praktikanten aus, anstatt in die eigene Zukunft zu investieren. Viele Aufgaben könnten auch von staatlich geprüften Technikern erledigt werden, aber die sind vor allem in den Konzernen aus dem Blickfeld geraten, dort zählt nur das Diplom.
Deutschlands Wohlstand beruht im Wesentlichen auf dem hohen Bildungs– und Qualifikationsstand seiner Bürger. Das hat uns nicht nur zur Kulturnation, sondern auch zum Exportweltmeister gemacht. Um dieses Niveau halten zu können, sind Investitionen nötig. Das hat die Politik erkannt — und gehandelt. Tatsächlich steigen die Ausgaben für den Bildungsbereich, wurden Studienzeiten verkürzt, steigt die Zahl der Absolventen. So weit die Statistik. In der Praxis bleiben die Fragen, ob das Geld in unserem föderalen System auch effektiv ausgegeben wird und wieso die Wirtschaft trotzdem immer lauter über Fachkräftemangel klagt.
Das mag zum einen an der immer noch recht hohen Abbrecherquote gerade in den besonders gefragten Ingenieursstudiengängen liegen. Vielleicht wären hier wie in anderen Fächern Eingangsprüfungen hilfreich. Hohe Anforderungen schon vor Studienbeginn bewahren häufig vor Irrtum bei der Berufswahl und fördern nachweislich den Durchhaltewillen im Studium.
Zum anderen bedürfen gerade im Bildungsbereich Veränderungen auch der Zeit, bis sie wirksam werden. Und möglicherweise müssen nach Schülern, Studenten, Lehrkräften und Bildungsbürokraten auch die Wirtschaftslenker umdenken, die jahrelang über Langzeitstudenten und zu alte Absolventen geklagt haben. Jetzt erwarten sie von Einsteigern um Mitte 20 wenn möglich zehn Jahre Berufserfahrung und bescheidene Gehaltsvorstellungen. Das passt nicht zusammen, sondern hat zur Generation Praktikum geführt, die unbezahlt oder allenfalls mit schwach dotierten Zeitverträgen einer unsicheren Zukunft entgegensieht und zunehmend Frustrationen aufbaut.
Die erhofften Fachkräfte kommen auch nicht aus dem Ausland — weder im Pflegebereich nach der Erweiterung der EU-Arbeitnehmerfreizügigkeit noch bei den Hochqualifizierten. Im globalen Wettbewerb zählt Deutschland nicht zu den attraktivsten Standorten. Alle bisherigen Versuche, daran etwas zu ändern, haben kaum messbare Ergebnisse gezeitigt. Unsere Bildungshausaufgaben können wir nur selbst erledigen. Und alle daran beteiligten Seiten müssen sich weiter bewegen.