22. August 2010 von JWD (199 Posts)229 mal gelesen
Die berufliche Beanspruchung ist in den letzten Jahren kontinuierlich gewachsen. Die Entwicklung zum globalen Wettbewerb, die Verschlankung der Organisationsstrukturen mit teilweise erheblich erweiterten Führungsspannen und nicht zuletzt die zunehmende generelle Entwicklungs– und Prognoseunsicherheit haben für die einzelne Persönlichkeit einen deutlich erhöhten Kräfteverschleiß zur Folge.
Das Thema Belastbarkeit gewinnt damit für Führungskräfte aus meiner Sicht ein neues Gewicht. So wichtig fachliche, methodische und soziale Kompetenzen als Erfolgsaufbausteine auch immer sind, als der eigentliche kritische Faktor erweist sich zunehmend die geistig-seelisch-körperliche Stabilität. Zuverlässige Handlungskompetenz setzt heute mehr denn je zuvor Belastbarkeit voraus.
Was können und sollen Führungskräfte folglich tun, um ihre Handlungskompetenz in diesem Sinne abzusichern? Sie sollten sich m.E. um drei Dinge kümmern: um ihre Mentalfitness, ihr Bewegungs– und ihr Ernährungsverhalten. Im persönlich beeinflussbaren Bereich sind das die maßgeblich über die individuelle Belastbarkeit entstehenden Größen.
Die herausragende Bedeutung der mentalen Fitness als Voraussetzung für hohe Belastbarkeit und entsprechend außergewöhnliche Leistungsfähigkeit ist dank der Sportberichterstattung inzwischen allgemein bekannt. Allerdings wird in diesem Zusammenhang Mentalfitness auch häufig fehlinterpretiert. Mentalfitness ist kein Synonym für ichbezogenes, gefühls– und rücksichtsloses Verhalten.
Eine erste Vorstellung von der Richtung, in der die Inhalte dieses so komplexen Begriffs gesucht werden müssen, gibt der Psychologieprofessor Csikszentemihalyi mit diesem Satz aus seinem Buch Flow „Menschen, die lernen, ihre innere Erfahrung zu steuern, können ihre Lebensqualität bestimmen. Dies kommt dem, was dem, was wir Glück nennen, wohl am allernächsten.“
Der amerikanische Sportpsychologe James E. Loehr begreift mentale Fitness oder Stärke als eine wohlausgewogene Mischung aus emotionaler Flexibilität, emotionalem Engagement, emotionaler Stärke und emotionaler Spannkraft. Im Blick auf den Arbeitstag unter hohem Entscheidungs-, Realisierungs– und Verantwortungsdruck stehenden Führungskräfte verkörpert:
emotionale Flexibilität die Fähigkeit, sich auf Belastungen und Veränderungen einzustellen und in angespannten Situationen locker und ausgeglichen zu bleiben, nicht aufzubrausen und im Bezug auf die anstehenden Aufgaben und Herausforderungen eine positive Einstellung zu entwickeln und durchzuhalten;
emotionales Engagement die Fähigkeit, sich unter Druck eine geschmeidige, konzentrierte, zielbezogene Handlungsfähigkeit zu bewahren und nicht in Scheinaktivitäten auszuweichen oder sogar gänzlich zu blockieren;
emotionale Stärke die Fähigkeit, der Außenwelt (Mitarbeiter, Kunden, Lieferanten, Wettbewerbern, Vertretern der Öffentlichkeit) unter arbeistmäßiger, situativer und/oder zeitlicher Belastung den Eindruck innerer Ruhe und souveräner Aufgabenbezogenheit zu vermitteln, anstatt eine Atmosphäre von Hektik, Frustration oder gar Resignation zu verbreiten;
emotionale Spannkraft die Fähigkeit, vergebene Chancen, Enttäuschungen, Fehlschläge und Mißerfolgserlebnisse als Lernsituationen zu begreifen und zu verarbeiten und sich unbeirrt anstehenden Aufgaben, im Wege stehenden Problemen und/oder ins Auge gefassten Zielen zu widmen.
Im Zusammenhang gesehen, stellt mentale Stärke damit das Vermögendes Managers dar, sich ungeachtet der Rahmenbedingungen an seiner oberen Leistungsgrenze bewegen zu können und über das Wissen zu verfügen, sich immer wieder entsprechend zu regenerieren – womit die Komponenten Bewegung und Ernährung ins Blickfeld kommen.
Denn wir sollten bedenken, schreibt der Arzt Dr. Helmut Anemüller in seinem Buch „Richtig essen“, dass wir umso mehr Belastungen ertragen können, je stärker wir den Spielraum unser er Möglichkeiten nutzen, vernünftig zu leben und uns so optimal wie möglich zu ernähren.“
Wie hängen nun Lebensführung und Belastbarkeit und Ernährung zusammen? Führungskräfte sollten wissen: von seiner evolutionären Herkunft her ist der Mensch „ein Bewegungswesen mit nervaler Steuerung und kein Kopfwesen mit körperlichem Anhang“ — das Bild vom Menschen in des Wortes wahrstem Sinne vom Kopf zurück auf die Füße.
Das ist der Grund, weshalb die vornehmlich sitzende, angespannte, von unablässigen Ambivalenzkonflikten geprägten Lebensweise des Managers bei fehlendem körperlichen Ausgleich dessen geistig-seelisch-körperliches Gleichgewicht und damit dessen Belastbarkeit auf Dauer untergräbt.
Mit dem Stressgescheen vertraute Ärzte und Psychologen raten deshalb gerade den unter permantem multiplen Anforderungsdruck stehenden Führungskräften:
bewegen Sie nicht nur die Gedanken in Ihrem Kopf, bewegen Sie den ganzen Körper, wo immer sich die Möglichkeit dazu bietet. Nehmen Sie anstatt des Fahrstuhls die Treppe. Gehen Sie bei kürzeren Entfernungen zu Fuss. Machen Sie ausgedehnte Spaziergänge. Joggen, tanzen, wandern Sie, oder treiben Sie regelmäßig Sport. Nur: Bringen Sie ausgleichende Bewegung in Ihr Leben!
Körperliche Bewegung entkrampft, macht gelassener und bringt auf andere und bessere Gedanken. Das Wohlbefinden nach anstrengender Bewegung gründet sich auf eine anti-depressive Wirkung, Spannungsabbau, Angstlösung, Antriebssteigerung und Förderung der Kreativität. Denn der Muskelstoffwechsel ist eng mit dem Zentralnervensystem und der Psyche verbunden.
Doch Bewegung fördert nicht allein den Muskel-, sondern den gesamten Stoffwechsel. Und gerade auch eine geregelte Verdauung trägt viel zum geistig-seelischen-körperlichen Wohlbefinden und damit auch zu einer verbesserten Belastbarkeit bei. Jüngst veröffentlichte amerikanische Forschungsergebnisse unterstreichen erneut die Bedeutung regelmäßiger Bewegung. Pauschal besagt die 700 Ruheständler umfassende Studie: Wer täglich spaziergeht, lebt länger. Ein weiteres aufschlussreiches Ergebnis der Studie ist: Die Lauffaulen starben mehr als doppelt so häufig an Krebserkrankungen als die Bewegungsfreudigen!
„Der Mensch ist von der Evolution dazu konstruiert, eine breite Palette frischer Lebensmittel zu sich zu nehmen. Er ist, will er gesund, belastbar und leistungsfähig bleiben, in seiner ernährung auf natürliche Vielfalt und Frische angewiesen, die er sich, veredelt durch eine die Natürlichkeit und Frische schonende Kochkunst, mit Ruhe, Heiterkeit, Sinn und Bewußtsein schmecken läßt.“
Was es nicht allein für die Belastbarkeit, sondern überhaupt für die Gesundheit bedeutet, sich unbedacht zu ernähren, belegt eine weitere unlängst veröffentlicht europäische Studie: Rund ein Fünftel aller Todesfälle infolge Krebserkrankungen in Europa könnten durch einen gesünderen Lebensstil vermieden werden. Demnach sind 30 Prozent aller Krebstodes auf falsche Ernährung und Fettleibigkeit, weitere gut 30 Prozent auf Rauchen und mehr als 5 Prozent auf Bewegungsmangel zurück zu führen.
Deutlich unterstreichen diese diese Zahlen die Bemerkungen der Schweizerin Jean Hersch: „Gesundheit ist, wenn man etwas ertragen kann, nachdem man durch entsprechendes Verhalten dafür gesorgt hat.“ Vereinfacht dargestellt, „funktioniert“ der Mensch im Denken, Fühlen, Bewegen und seinen Stoffwechselabläufen elektrochemischen Boten– und weiteren steuernden Stoffen (Hormonen, Enzymen, Vitaminen) als den wesentlichen Impulsgebern. Mit einer in Menge und Zusammensetzung unausgewogenen Ernährung wird dieses fein abgestimmte und im vorrückenden Lebensaalter auch zunehmend leicht irritierbare Fließgleichgewicht ständig gestört. Und das führt über anfänglich mehr oder eindeutig in Erscheinung tretende beziehungsweise von den wenigsten Führungskräften bewußt wahrgenommene Befindlichkeitsbeeinträchtigungen zu einer immer deutlicher spürbar abnehmenden Belastbarkeit, die sich meist in Verbindung mit einer steigenden Erregbar– beziehungsweise Reizbarkeit und Unkonzentriertheit äußert.
Das ist eine Entwicklung, die das gerade in Führungspositionenso wichtige Vermögen gefährlich beeinträchtigt, zwischenmenschliche und/oder sachliche Problemsituationen und –stellungen rasch zu erkennen und konsequent, konstruktiv und zukunftsorientiert zu bewältigen.
Die Tatsache, dass Vorgesetzte und Mitarbeiter, Kollegen untereinander, Geschäfts– und Verhandlungspartner, Verkaufspersonal und Kunden bereits in Situationen leichteren Schwierigkeitsgrades zunehmend aneinander geraten, darf deshalb nicht einseitig interpretiert werden. Sie signalisieren nicht allein eine tendenziell abnehmende Frustrationstoleranz und Konfliktfähigkeit. Sie verdeutlichen auch, wie angespannt die Nerven heute allenthalben sind und wie dünn das Eis der Belastbarkeit unter dem Zangendruck von laufend wachsender Anforderungen bei unablässiger Veränderungsnotwendigkeit geworden ist.
Das sollte gerade für die in Scharnierfunktionen arbeitenden Führungskräfte ein gewichtiger Anstoss sein, sich um ihre mentale Fitness, ihr Bewegungs– und Ernährungsverhalten zu kümmern. So gesehen bildet eine zuverlässige Belastbarkeit nicht allein das Fundament überlegender Leistungsfähigkeit. Sie verkörpert auch ein erhebliches Mehr an Lebensqualität.
Ganz in diesem Sinne rät denn auch der Ernährungswissenschaftler Prof.Dr. Leitzmann „betrachten Sie deshalb Essen und Trinken nicht nur als Lieferant für Nährstoffe oder gesundheitsfördernde Inhaltsstoffe, sondern auch als Ausdruck für Lebensfreude.“ Und er fügt hinzu: „Auch wenn Sie nun von der großen Bedeutung der Ernährung für die Erhaltung Ihrer Gesundheit und Belastbarkeit überzeugt sein sollen, gibt es keinen Grund für Dogmatismus.…..“
















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