Anmelden
Übersicht

Bisher wurden 3,082 Beiträge und 2,486 Kommentare von 315 Benutzern verfasst.

 

25. August 2010 von Numb3rOne (20 Posts)
291 mal gelesen

(Ø 3,86)7 Stimme(n)

Beim ritua­li­sier­ten Dia­log zwi­schen Arbeit­neh­mer– und Arbeit­ge­ber­seite geht es meist um die “har­ten Fak­ten” wie Gehalt oder Arbeits­zeit. Nur: Gibt es denn keine Alter­na­tive zum perio­disch wie­der­keh­ren­den Schau­spiel des Feil­schens um Pro­zente und Arbeits­zeit? Ich denke ja, denn bereits jetzt haben qua­li­ta­tive Berei­che der Tarif­po­li­tik immer mehr Gewicht gewon­nen. Das zeigt bei­spiels­weise eine Stu­die der Bertelsmann-Stiftung aus dem Jahr 2006. Als wich­tige Punkte her­aus­ge­stellt wer­den dort Umfang und Effek­ti­vi­tät von Fort– und Wei­ter­bil­dung, die Ver­bes­se­rung der Ver­ein­bar­keit von Beruf und Fami­lie, der Umgang mit altern­den Beleg­schaf­ten und betrieb­li­che Alters­vor­sorge. Alle­samt anschei­nend wei­che Fak­to­ren, die mei­ner Ansicht nach die tat­säch­lich har­ten Fak­ten sind.

Mir geht es mit­nich­ten darum, Tarif­ab­schlüsse gene­rell infrage zu stel­len. Aber nur alle zwölf Monate auf Pro­zente zu schauen, kann auch nicht alles sein. In Kri­sen– und Umbau­zei­ten muss dem Unter­neh­men auch im urei­gens­ten Inter­esse der Mit­ar­bei­ter die nötige Luft zum Atmen blei­ben. Die Gene­sung des Unter­neh­mens darf dann nicht durch star­res Fest­hal­ten an zu hohen, Kos­ten­trei­ben­den Lohn­for­de­run­gen gefähr­det wer­den, zumal wenn sie die Wett­be­werbs­fä­hig­keit ver­schlech­tern. Daher sage ich ganz deut­lich: Sozial ist — auch in Tarif­ver­hand­lun­gen — was jen­seits der Pro­zente Arbeits­plätze sichert, der jun­gen Gene­ra­tion Bil­dungs­chan­cen eröff­net, Teil­habe an der Ent­wick­lung des Unter­neh­mens ermög­licht und Frei­räume bie­tet, sich fach­lich und per­sön­lich wei­ter­zu­ent­wi­ckeln. Dar­über soll­ten die Tarif­par­teien sich inten­si­ver austauschen.

Merke: Metall-Tarifverhandlungen ste­hen auf dem Spiel­plan. Bühne frei für das publi­kums­wirk­same Rin­gen um höhere Löhne! Das Schau­spiel folgt einer fest­ge­leg­ten Dra­ma­tur­gie: Die eine Par­tei insze­niert sich als mora­li­sche Instanz zur ein­zig wah­ren Ver­tre­tung der Mit­ar­bei­ter­in­ter­es­sen. Der ande­ren Seite bleibt oft nur die Rolle des sach­li­chen Mah­ners, der for­dert, den Bogen nicht zu über­span­nen. Am Ende steht ein mehr oder weni­ger ver­nünf­ti­ger Kompromiss.

7 4
 
Der Beitrag wurde am Mittwoch, den 25. August 2010 um 17:59 Uhr veröffentlicht und wurde unter Innenansicht abgelegt. du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. du kannst einen Kommentar schreiben, oder einen Trackback auf deiner Seite einrichten.
 

Das Bun­des­ar­beits­ge­richt hat eine weg­wei­sende Ent­schei­dung getrof­fen. Das Gericht weicht von sei­ner seit 1957 gepfleg­ten Recht­spre­chung ab. Es lässt zu, dass klei­nere Gewerk­schaf­ten in Wett­be­werb zu den eta­blier­ten Tarif­part­nern tre­ten. In den Unter­neh­men könnte es dadurch häu­fi­ger zu kon­kur­rie­ren­den Tarif­ver­trä­gen kom­men. Statt Tarif­ein­heit gilt nun Tarif­plu­ra­li­tät. Kon­kur­renz belebt das Geschäft, heißt es für gewöhn­lich. Und das trifft auch auf Gewerk­schaf­ten und Arbeit­ge­ber zu. Der erhöhte Druck auf die eta­blier­ten Tarif­part­ner und ihre neuen Wett­be­wer­ber sollte dafür sor­gen, dass sie sich auf zeit­ge­mäße Kom­pro­misse einigen.

Die bis­her bestim­men­den Tarif­part­ner, die gro­ßen Gewerk­schaf­ten und Arbeit­ge­ber­ver­bände, müs­sen jetzt läs­tige Wett­be­wer­ber, die Berufs­ge­werk­schaf­ten, abweh­ren oder ein­fan­gen. Das ist eine Her­aus­for­de­rung und ein Expe­ri­ment. Wird die Repu­blik nun in Streiks ver­sin­ken? Steht der soziale und betrieb­li­che Friede auf dem Spiel?

Varia­ble Ver­gü­tungs­for­men bei­spiels­weise, im außer­ta­rif­li­chen Bereich zu Recht weit ver­brei­tet, fin­den sich in klas­si­schen Tarif­ver­trä­gen kaum. Auch andere krea­tive Lösun­gen, die über die bis­he­ri­gen pla­ka­ti­ven Lohn­for­de­run­gen hin­aus­ge­hen, sind denk­bar, wer­den aber erst in Ansät­zen verfolgt.….

Zudem würde es vie­len, ins­be­son­dere mit­tel­stän­di­schen Unter­neh­men weit mehr nüt­zen, wenn die öffent­li­che Hand weni­ger sub­ven­tio­nie­ren — aber dafür ihre eige­nen Rech­nun­gen pünkt­lich und zuver­läs­sig beglei­chen würde.

Zum ande­ren muss der Abbau über­flüs­si­ger Inves­ti­ti­ons­hemm­nisse vor­an­ge­trie­ben wer­den. Wir brau­chen ein Inves­ti­ti­ons­be­schleu­ni­gungs­ge­setz. Das Min­deste ist dabei, dass pri­vate Inves­to­ren die glei­chen Rechte erhal­ten, wie sie für staat­li­che Infra­struk­tur­in­ves­ti­tio­nen gel­ten. Auch man­che Aus­wüchse und Dopp­lun­gen etwa im Natur­schutz­recht gehö­ren über­prüft. Hier gibt es Ver­bes­se­rungs­mög­lich­kei­ten, um Inves­ti­tio­nen zu beschleu­ni­gen und zugleich den ökolo­gi­schen Nut­zen von Aus­gleichs­pro­gram­men zu maxi­mie­ren — zum Bei­spiel durch die Wei­ter­ent­wick­lung soge­nann­ter Ökokonten.

In vie­len Bran­chen wer­den Kräfte knapp — da muss der Preis stei­gen. Und: In Deutsch­land hän­gen vor lau­ter Geiz mitt­ler­weile schon 45 Pro­zent der Wirt­schafts­leis­tung vom Export ab. Das erzeugt Abhän­gig­kei­ten von der Aus­ga­ben­freude ande­rer. Der Rest der Welt wächst nicht ewig. Gemes­sen daran, wie stark die Deut­schen vom Geld­aus­ge­ben ande­rer pro­fi­tie­ren, trägt außer China kein ande­res Land so rela­tiv wenig selbst zur Welt­nach­frage bei. Deutsch­lands Export­über­schuss ist 2009 auf abwe­gige sie­ben Pro­zent der Wirt­schafts­leis­tung gestiegen.

Selbst bei Erfolgs­län­dern wie Schwe­den, Däne­mark, Groß­bri­tan­nien oder Finn­land sind die Löhne nicht semi­n­ar­ge­treu so lange gefal­len, bis Voll­be­schäf­ti­gung da war. Oft gab es ein, zwei aus­ge­prägte Ver­zichts­jahre und dann wie­der eini­ger­ma­ßen nor­male Lohn­zu­wächse. In den USA sind seit 2001 nicht ein­mal die Lohn­stück­kos­ten über­haupt in einem Jahr nomi­nal gefal­len. Trotz­dem haben die Ame­ri­ka­ner ihre Arbeits­lo­sen­quote seit­dem halbiert.

Es wäre gut, wenn nach all den eif­ri­gen Tarif­ri­tua­len auch in Deutsch­land etwas Ähnli­ches her­aus­kommt und die Löhne im Lan­des­schnitt irgendwo zwi­schen zwei und drei Pro­zent zule­gen. Dann sind Wun­der möglich.

Dass Leih­kräfte für Unter­neh­men über die ver­gan­ge­nen Jahre immer belieb­ter gewor­den sind, hat aller­dings nicht nur mit den kon­junk­tu­rel­len Schocks des ver­gan­ge­nen Jahr­zehnts zu tun. Eine wich­tige Rolle spie­len zwei­fel­los die aus Sicht der Wirt­schaft nach wie vor zu star­ren Arbeits­markt­ge­setze — es ist in Deutsch­land eben ungleich schwie­ri­ger als in den USA oder in Asien, fest ange­stellte Mit­ar­bei­ter wie­der zu ent­las­sen, wenn man sie nicht mehr will oder nicht mehr braucht. Der Wunsch nach “Waf­fen­gleich­heit” mit Kon­kur­ren­ten aus ande­ren Regio­nen der Welt hat ange­sichts der Glo­ba­li­sie­rung jedoch zugenommen.

Hinzu kommt ein wei­te­res Argu­ment: Man kann durch den Ein­satz von Leih­kräf­ten Per­so­nal­kos­ten drü­cken. Und hier wird es pro­ble­ma­tisch, wie der Fall Schle­cker gezeigt hat. Denn wenn Lohn­dum­ping in den Vor­der­grund rückt, hat dies nichts mehr mit dem ursprüng­li­chen Zweck der Zeit­ar­beit zu tun, fle­xi­bler auf Beschäf­ti­gungs­schwan­kun­gen rea­gie­ren zu kön­nen. Darum ist die For­de­rung der IG Metall nach glei­cher Bezah­lung für glei­che Tätig­keit berechtigt.

 
Einen Kommentar schreiben